Schnega/Lüchow (jr) Zwei vollbesetzte Kleinwagen kollidieren frontal in einer engen Bahnunterführung, zwölf Menschen werden verletzt: Dieses anspruchsvolle Szenario haben Rettungsdienst und Feuerwehren kürzlich am Schnegaer Bahnhof geübt. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg hatte dort eine groß angelegte Übung zu einem Massenanfall von Verletzten (MANV) organisiert.
Das angenommene Unfallgeschehen hatte es in sich: In jedem Fahrzeug befanden sich fünf Personen, zudem wurden zwei Fußgänger verletzt. „Bereits ab fünf Verletzten sprechen wir von einem MANV“, erklärt Janika Waaschke, Mitarbeiterin des Ordnungsamtes der Kreisverwaltung und Leiterin der Übung. „Bei einem MANV müssen so viele Menschen gleichzeitig versorgt werden, dass die regulären Abläufe des Rettungsdienstes an ihre Grenzen kommen und eine zentrale Leitung erforderlich wird.“

Um 14.08 Uhr alarmierte die Rettungsleitstelle im Lüchower Kreishaus den Rettungsdienst und die Feuerwehren. Keine zehn Minuten später treffen die ersten Feuerwehrkräfte ein, kurz darauf der erste Rettungswagen. Mit schwerem Gerät wird eines der Unfallfahrzeuge geöffnet. Die Einsatzkräfte verschaffen sich einen Überblick, koordinieren die ersten Maßnahmen und bauen die Einsatzstruktur auf. Kurz darauf treffen der Organisatorische Leiter Rettungsdienst (OrgL) und der Leitende Notarzt (LNA) ein und übernehmen die rettungsdienstliche Leitung. Vier weitere Rettungswagen, zwei Krankentransportfahrzeuge und zwei Rettungshubschrauber werden nachalarmiert. Rund 50 Meter von der Unfallstelle entfernt wird eine Patientenablage eingerichtet. Nach einer ersten Vorsichtung werden die zwölf Verletzten dort erneut untersucht und entsprechend ihrer Behandlungsdringlichkeit triagiert (siehe auch Hintergrundinformation).

Bereits um 14.57 Uhr waren alle eingeschlossenen Personen aus den Fahrzeugen befreit. Um 15 Uhr wurde der erste Patient abtransportiert. Keine halbe Stunde später waren alle Verletzten an die Rettungsfahrzeuge übergeben.
„Das ging sehr schnell. Die Führungskräfte haben fokussiert alles Notwendige abgearbeitet“, bilanziert Janika Waaschke. „Feuerwehr und Rettungsdienst haben sich zügig einen Überblick verschafft, sodass die Chaosphase schnell überwunden werden konnte.“ Auch der zweite Übungsteil an der Dannenberger Klinik, bei dem die Übergabe der Verletzten an das Krankenhaus simuliert wurde, verlief aus ihrer Sicht erfolgreich.

„So eine Schadenslage verlangt allen alles ab“, sagt Lüchows Gemeindebrandmeister Michael Schalon. „Dabei ist die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen von immenser Bedeutung.“ An die Erfahrungen aus der Übung gelte es nun anzuknüpfen, ergänzt der zuständige Bereichsbrandmeister Nils Langkopf. Insgesamt waren rund 60 Feuerwehrkameradinnen und -kameraden aus Billerbeck, Schnega, Clenze, Bergen und der Führungsstaffel Bereich West beteiligt.

Wissenschaftliche Begleitung
Erstmals wurde eine MANV-Übung im Landkreis auch wissenschaftlich begleitet. Ein achtköpfiges Team um Professor Dr. Boris Tolg von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg hatte die Unfallopfer, den Leitenden Notarzt, den Organisatorischen Leiter und die Rettungsfahrzeug, sowie Polizei, Psychosoziale Notfallversorgung und Führungskräfte der Feuerwehr mit Transpondern ausgestattet. Untersucht werden unter anderem die Wege der Einsatzkräfte, die Kommunikation untereinander und die Organisation der Patientenbewegungen. Ziel der Beobachtung ist es, Arbeitsabläufe zu optimieren, um die knappe Zeit künftig noch effektiver zu nutzen.

Die zwölf Verletzten wurden von Schülerinnen und Schülern der Nicolas-Born-Schule Dannenberg, des Fritz-Reuter-Gymnasiums Dannenberg, der Freien Schule Hitzacker und der Drawehn-Schule Clenze dargestellt. Das Jugendrotkreuz übernahm die Anleitung und Koordination. Mit Farbe und vorgegebenen Verletzungsmustern wurden sie für das möglichst realitätsnahe Szenario geschminkt.

MANV seit 2023 im Fokus
Der Landkreis Lüchow-Dannenberg befasst sich seit Ende 2023 intensiv mit dem Thema MANV. Seit 2024 kommen die beteiligten Organisationen viermal jährlich zu Statusgesprächen zusammen. Im Mittelpunkt stehen ein gemeinsames Einsatzkonzept, die Ausstattung und Beschaffung sowie Fortbildungen und jährliche Übungen.
Beim nächsten Statusgespräch am 18. November wird die Auswertung der Übung auf der Tagesordnung stehen. Voraussichtlich werden dann auch erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung durch die HAW Hamburg vorgestellt.

Hintergrund: Was bedeutet MANV?
Bei einem Massenanfall von Verletzten müssen die Einsatzkräfte gleichzeitig die Gesamtlage erfassen, die Einsatzstelle strukturieren, zusätzliche Kräfte und Rettungsmittel koordinieren und Verletzte nach ihrer Behandlungsdringlichkeit einordnen.
Ein wichtiger Bestandteil ist die Triage. Der Begriff stammt aus dem Französischen und bedeutet „sortieren“ oder „auswählen“. Verletzte werden dabei nach der Dringlichkeit ihrer medizinischen Versorgung eingestuft:
Rot – höchste Dringlichkeit: Lebensbedrohliche Verletzungen, sofortige Behandlung erforderlich.
Gelb – dringlich: Schwere Verletzungen, Behandlung erforderlich, kurzfristig aber nachrangig gegenüber Kategorie Rot.
Grün – weniger dringlich: Leichtere Verletzungen, Behandlung kann zunächst zurückgestellt werden.






